Über das Feld der Theaterpädagogik

 

Gruppenprozesse

Zu dieser Form der Pädagogik gehören Gruppendynamische Übungen, mit denen die Sozialität der Gruppe gefördert wird. Kennenlernspiele und Vertrauensübungen bringen die einzelnen Mitglieder der Theatergruppe zusammen und schaffen somit die Basis für weitere Proben und eine eventuelle Aufführung. Übungen, wie beispielsweise das Führen einer Person mit geschlossenen Augen, legen den Fokus auf Vertrauen und Körperlichkeit der Theaterspieler*innen. Da die Übungen jedoch einen eher spielerischen Charakter besitzen, kann die Hemmschwelle der emotionalen und körperlichen Nähe bei den Theaterspielenden relativ schnell überwunden werden. Darüber hinaus verbindet das gemeinsam Spiel auf der Bühne, welches eventuell sogar in einer Abschlussaufführung vor Publikum resultieren kann. Kinder und Jugendliche haben im Theater spielen die Möglichkeit, eine offenere Einstellung  gegenüber ihrer Umwelt zu entwickeln.

Es ließ sich bereits wissenschaftlich feststellen, dass regelmäßiges Theater spielen bei Jugendlichen den Zusammenhalt in der Gruppe, die Kommunikation und Kooperation, das soziale Klima sowie das allgemeine Interesse der Schüler aneinander verbessern konnte. [1]

Theaterpädagogik stellt somit eine Form der Pädagogik dar, die auf ihre ganz spezielle Art und Weise Gruppenprozesse in einer heterogenen Gruppe stark positiv unterstützen kann.

 

Die Leiblichkeit des Theaterspielers

Grundsätzlich lässt sich der Leib des Menschen in drei Bereiche einteilen: Den Werkzeugleib, mit dem er arbeitet, den Sinnenleib, mit dem er wahrnimmt sowie den Erscheinungsleib, mit dem er sich darstellt. Im Theaterspiel liegt der Fokus der Teilnehmenden auf ihrer Leiblichkeit. Durch den Einsatz des eigenen Körpers im Rollenspiel wird dem Menschen seine eigene Leiblichkeit bewusst und er setzt sich spielerisch mit dieser auseinander. Dies gibt ihm die Möglichkeit, dem Bereich Erscheinungsleib eine erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken und sich somit in diesem Bereich zu Üben. [2] Dieses Üben geschieht relativ ungezwungen und in einem geschützten Raum. Der Neurobiologe Gerald Hüther und der Philosoph und Autor Christoph Quarch schreiben dazu in ihrem Buch ‚Rettet das Spiel – Weil Leben mehr als funktionieren ist‘:

„Die meisten Schauspiele sind Rollenspiele. Sie öffnen einem Spieler jene wunderbare Möglichkeit, sich in der Rolle eines anderen zu erproben.“ [3]

Gerade Kinder haben so die Möglichkeit, sich mit ihrem Ich in erschaffenen Szenen mit der Umwelt auseinanderzusetzen und damit ihre Wirkung auf diese auszuprobieren, zu reflektieren und zu steuern. Dies ist der wesentliche Unterschied der Theaterpädagogik im Vergleich mit anderen pädagogischen Formen

 

Bildung der Persönlichkeit

Der Spielende kann also in erschaffenen Szenen die Wechselwirkung des eignen Ich mit der Welt üben. Die während des Theaterspielens geschaffene Kunstwelt gibt ihm darüber hinaus die Möglichkeit, auszuprobieren, wie und was er noch sein könnte. Hüther und Quarch schreiben dazu:

„Beim Rollenspiel erfährt der Spieler selbst, was noch an ungelebtem Potenzial in seiner Seele schlummert. Hier kann er in einem geschützten und gesonderten Bereich, in der geschlossenen Spielwelt, Facetten seines Selbst erkunden, für die seine alltägliche Lebenswelt keinen Raum bietet.“ [4]

So haben bereits wissenschaftliche Studien ergeben, dass regelmäßiges Theaterspielen die Persönlichkeit von Menschen öffnet und positiv beeinflusst: Dies gilt vor Allem für die Bereiche Selbstwirksamkeitsüberzeugung im sozialen Bereich, Offenheit gegenüber Neuem und Fremdem, extravertiertes Verhalten (beispielsweise das Zugehen auf Andere oder das Sprechen vor Gruppen), Umgang mit Angst in sozialen Situationen, Perspektivvorstellungen und Selbstzufriedenheit. [5]

 

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[1] Vgl. Domkowsky, Romi: Theaterspielen öffnet die Persönlichkeit – Eine Studie über die Wirkung des Theaterspielens auf junge Menschen, in: Zukunft Schultheater – Das Fach Theater in der Bildungsdebatte, hrsg. v. Volker Jurké, Dieter Linck, Joachim Reiss, Hamburg 2008, S. 51.

[2] Vgl. Liebau, Eckart: Was Schultheater für die Schüler und die Schule leistet – Dimensionen theatraler Bildung, in: Zukunft Schultheater – Das Fach Theater in der Bildungsdebatte, hrsg. v. Volker Jurké, Dieter Linck, Joachim Reiss, Hamburg 2008, S. 19-20.

[3] Hüther, Gerald, Quarch, Christoph: Rettet das Spiel – Weil Leben mehr als funktionieren ist, München 2016, S. 138.

[4] ebd.

[5] Vgl. Domkowsky, Romi, Hamburg 2008, S. 52 – 59.